09.01.2026

Von anerobic bis infused - Aufbereitungsmethoden im Specialty Coffee

Von Maria Wittig
Von anerobic bis infused - Aufbereitungsmethoden im Specialty Coffee

Die Aufbereitung von Kaffee ist weit mehr als ein notwendiger Verarbeitungsschritt nach der Ernte. Sie definiert das sensorische Profil der Bohne, moduliert Süße, Säure und Körper und eröffnet gezielt Raum für Experimente. In der Specialty-Coffee-Welt hat sich die Aufbereitung von einem bloßen Qualitätsfaktor zu einem Werkzeug für Geschmackskomposition entwickelt. Wir betrachten die wichtigsten Methoden, ihre mikrobiologischen und chemischen Grundlagen und die aktuellen Trends.

Klassische Aufbereitungsmethoden

Washed/Fully Washed

Die klassische nasse Aufbereitung (Fully Washed) besteht aus drei Kernschritten: Entpulpen, Fermentation in Wasserbecken und anschließendes Trocknen.

  • Fermentation: Das Ziel ist der Abbau des Mucilage durch natürliche Hefen und Bakterien, die die Fruchtfleischreste enzymatisch spalten. Die Fermentationsdauer beeinflusst dabei entscheidend Säureprofil und Klarheit des Cups.

  • Sensorik: Typischerweise sauber, präzise Säuren, mittlerer bis leichter Körper, Fokus auf Bohnencharakter

Natural/Dry Process

Bei der Trocknung ganzer Kaffeekirschen bleibt das Fruchtfleisch während des gesamten Trocknungsprozesses an der Bohne haften.

  • Chemie: Zucker aus dem Fruchtfleisch karamellisiert durch Sonne und Hitze teilweise, während Fermentation in der Kaffeekirsche zu Esterbildung führt

  • Sensorik: Hohe Süße, ausgeprägte Fruchtigkeit, manchmal beerige Noten. Körper und Mundgefühl werden durch die Zucker- und Fruchtstoffreste verstärkt

Honey/Pulped Natural

Die semi-nasse Methode lässt das Mucilage teilweise an der Bohne.

  • Fermentation: Teilweise aerob, teilweise in Kontakt mit dem Fruchtfleisch. Dies erlaubt kontrollierte Zuckerreduktion ohne den vollständigen Fruchtkontakt des Natural-Process.

  • Sensorik: Balance zwischen Klarheit (wie beim Washed) und Süße/Körper (wie beim Natural)

Honey-Varianten: Präzision durch Trocknungsgrad

Honey-Aufbereitungen werden weiter differenziert nach Fruchtfleischanteil und Trocknungsgrad:

  • Black Honey: Sehr hoher Mucilage-Anteil → starke Zucker- und Fruchtextraktion, dunkel, vollmundig, ausgeprägt süß

  • Red Honey: Mittlerer Anteil → karamellige Süße, klare Fruchtnoten, mittlerer Körper

  • Yellow Honey: Niedriger Anteil → leichte, präzise Säure, reduzierte Süße

Die Farbe ist ein direkter Indikator für enzymatische Reaktionen und Maillard-Produkte während der Trocknung.

Experimentelle Fermentation

Mikrobieller Einfluss wird gezielt eingesetzt, um Aromen zu modulieren:

Anaerobic Fermentation
  • Bohnen oder Kaffeekirschen fermentieren in luftdichten Tanks, CO₂-Konzentration steigt, Sauerstoff fehlt

  • Anaerobic = kontrollierte Sauerstoffabwesenheit, beeinflusst Mikroflora, intensiviert Ester und Fruchtigkeit

  • Effekt: Fermentationsprofile verschieben sich, Esterbildung intensiviert Fruchtigkeit, wässrig-„winey“ Noten entstehen, Säure bleibt oft klar

Carbonic Maceration
  • Transfer aus der Weinherstellung: ganze Kaffeekirschen in CO₂-reichen Tanks, anaerobe Fermentation auf Zellebene, indem Tanks mit CO₂ angereichert werden

  • Effekt: Intensive Esterbildung innerhalb intakter Zellen → komplexe, weinartige Fruchtaromen, subtile Tannine, hohe Aromadichte

Yeast/Bacteria Inoculation
  • Spezifische mikrobiologische Kulturen steuern den Fermentationspfad, sprich Kaffee werden bestimmte Hefen oder Bakterien gezielt dem Fermentationsprozess hinzugefügt, statt sich auf die „natürliche Mikroflora“ zu verlassen

  • Ziel: stabile, reproduzierbare Fermentation und kontrollierte Aromaprofile

  • Sensorik: Ermöglicht gezielte Aromen (z. B. Mango, Beeren, Karamell) bei kontrollierter Säure und Körper.

Extended Fermentation
  • Längere Fermentationszeiten intensivieren Säure, Fruchtigkeit und Körper, erfordern jedoch präzises Monitoring, um Überfermentation zu vermeiden

Spezialmethoden und Trends

Wet-Hulled/Giling Basah
  • Feuchtes Schälen nach teilweiser Trocknung: Kaffeekirschen werden entpulpt und die Bohnen im Pergament nur bis etwa 50 % Feuchtigkeit getrocknet
  • Anschließend werden sie mechanisch geschält, während sie noch feucht sind („Wet Hulling“). Danach erfolgt die Endtrocknung auf 11–12 % Feuchtigkeit für Lagerung und Export
  • Sensorik & chemische Wirkung: Durch das feuchte Schälen und die teilweise Fermentation entsteht ein reduzierter Säuregehalt, ein hoher Körper

  • Sensorik: Erdige, würzige Noten, reduzierter Säureanteil, hoher Körper

  • Typisch für indonesische Kaffees wie Sumatra oder Sulawesi.
Carbonic Dry/Semi-Natural
  • Kombination aus anaerober Fermentation und Natural-Aufbereitung

  • Ganze Kaffeekirschen werden ohne Entpulpen in luftdichten oder CO₂-reichen Tanks fermentiert (anaerob). Danach werden die Kirschen wie beim Natural Process getrocknet, sodass das Fruchtfleisch während des Trocknens an der Bohne bleibt

  • Sensorik: Sehr fruchtig, intensive Süße, klare Fruchtnuancen mit komplexem Körper

Experimental Infusions
  • Kirschen werden zusammen mit Früchten, Kräutern oder Gewürzen fermentiert

  • Effekt: Neue Esterprofile, exotische Aromen, gezielte Geschmacksmodulation

Frozen/Ice Processed Coffees
  • Kaffeekirschen oder Pergamentbohnen werden vor oder während der Fermentation eingefroren, wodurch die enzymatischen Reaktionen stark verlangsamt werden. Dadurch lässt sich Zuckerabbau und Aromaprofil extrem präzise steuern, vergleichbar mit Slow-Fermentation

  • Sensorik: Langsame enzymatische Prozesse, extrem präzise Kontrolle über Zuckerabbau und Aromaprofile

  • Die langsame enzymatische Aktivität führt zu feinen, sauberen Fruchtnoten, sehr klarer, intensiver Süße und hoher Aromadichte, oft mit subtilen, komplexen Nuancen

Zukunftstrends

Die Aufbereitung wird zunehmend experimentell, daten- und mikrobiologiegestützt:

  • Controlled Microbiome: Präzise mikrobiologische Kulturen für reproduzierbare Aromaprofile

  • High-Altitude Experimentals: Mikroklima, Fermentation und Höhe kombinieren → sehr fruchtige, komplexe Cups

  • Specialty Lot Experiments: Kleine Chargen mit experimentellen Kombinationen, z. B. Honey + Anaerobic, um neuartige Aromen zu erschließen

Aufbereitungsmethoden im Überblick

Aufbereitung Prozess / Chemie Sensorik / Wirkung
Washed / Fully Washed Entpulpen → Fermentation in Wasserbecken (Mucilageabbau durch Hefen & Bakterien) → Trocknung Sauber, präzise Säuren, mittlerer bis leichter Körper, Fokus auf Bohnencharakter
Natural / Dry Process Ganze Kirschen trocknen, Fruchtfleisch bleibt dran → Zucker karamellisiert → Esterbildung durch natürliche Fermentation Hohe Süße, ausgeprägte Fruchtigkeit, beerige Noten, verstärkter Körper
Honey / Pulped Natural Teilweises Mucilage an der Bohne → teilweise aerob + teilweise Fermentation → kontrollierte Zuckerreduktion Varianten: Black Honey (viel Mucilage), Red Honey (mittlerer Mucilage), Yellow Honey (wenig Mucilage) Balance zwischen Klarheit & Süße/Körper, karamellig, fruchtig, mittlerer bis voller Körper
Anaerobic Fermentation Luftdichte Tanks, Sauerstoff fehlt, CO₂ steigt → kontrollierte Mikroflora → intensive Esterbildung Intensiv fruchtig, „winey“-Noten, klare Säure, wässrig-fruchtige Nuancen
Carbonic Maceration Ganze Kirschen in CO₂-reichen Tanks → intrazelluläre anaerobe Fermentation → intensive Esterbildung Komplex, weinartig, subtile Tannine, hohe Aromadichte
Yeast/Bacteria Inoculation Gezielte Hefen & Bakterien → kontrollierter Fermentationspfad → reproduzierbare Aromaprofile Gezielte Aromen (Mango, Beeren, Karamell), kontrollierte Säure & Körper
Extended Fermentation Längere Fermentation → intensivere Säure, Fruchtigkeit und Körper → präzises Monitoring nötig Intensiv fruchtig, komplex, Gefahr von Überfermentation
Wet-Hulled / Giling Basah Teilweise getrocknete Bohnen werden feucht geschält → Endtrocknung auf 11–12 % Feuchtigkeit Erdige, würzige Noten, reduzierter Säureanteil, hoher Körper (typisch Indonesien)
Carbonic Dry / Semi-Natural Ganze Kirschen anaerob in CO₂-Tanks → danach wie Natural getrocknet → Fruchtfleisch bleibt dran Sehr fruchtig, intensive Süße, klare Fruchtnuancen, komplexer Körper
Experimental Infusions Kirschen werden zusammen mit Früchten, Kräutern oder Gewürzen fermentiert → neue Esterprofile Exotische Aromen, gezielte Geschmacksmodulation
Frozen / Ice Processed Kirschen oder Bohnen werden vor/während Fermentation eingefroren → langsame enzymatische Prozesse, präzise Kontrolle Feine, saubere Fruchtnoten, sehr klare Süße, hohe Aromadichte, komplexe Nuancen

Die Wahl der Aufbereitung ist im Specialty Coffee nicht nur Qualitätsmaßstab, sondern ein kreatives Experiment. Von der klassischen nassen Aufbereitung bis zu mikrobiologischen Prozessen bestimmt sie Aroma, Süße, Körper und Säure. Wer Specialty Coffee ernsthaft versteht, betrachtet die Bohne nie isoliert, sondern immer in Bezug auf ihre Aufbereitung, Fermentation und das Zusammenspiel von Mikroorganismen, Zucker und Enzymen.